BUVNK · GREEN CLAIMS · PRAXISBEISPIELE

Green Claims Praxisbeispiele 2026: Umweltaussagen verständlich prüfen

Zwölf typische Formulierungen aus Werbung, Verpackung und Unternehmenskommunikation. Wir zeigen, wo Risiken entstehen, wie Aussagen präzisiert werden können und welche Nachweise Unternehmen benötigen.

12 PraxisfälleEmpCo seit 27.09.2026 anwendbarGreen Claims Directive: Vorschlag
Orientierung statt Freigabe: Die Formulierungen sind fiktive Lernbeispiele. „Präziser“ bedeutet nicht automatisch „rechtlich zulässig“. Eine Aussage muss zur tatsächlichen Leistung, zum Gesamtbild der Werbung und zum anwendbaren Recht passen.
01 / GRUNDLAGEN

Warum konkrete Aussagen besser überprüfbar sind

Eine Aussage wie „umweltfreundlich“ lässt offen, worauf sie sich bezieht. Konkrete Angaben zu Material, Bezugsgröße, Zeitraum und Methode sind häufig verständlicher. Doch auch Zahlen und Siegel können irreführen, wenn wichtige Einschränkungen fehlen.

Wortlaut

Welche konkrete Umwelteigenschaft wird behauptet?

Geltungsbereich

Produkt, Verpackung, Standort oder Unternehmen?

Nachweis

Gibt es passende aktuelle Daten für die Aussage?

02 / BEISPIELE

Zwölf typische Green Claims aus der Praxis

Filtere nach Themen oder lies alle Beispiele. Jede Karte benennt eine mögliche Schwachstelle und zeigt, wie die Aussage anhand konkreter Fakten geprüft werden kann.

Beispiele sichtbar: 12 / 12

BEISPIEL 01

„Unsere Verpackung ist umweltfreundlich.“

Riskante Aussage

„Unsere Verpackung ist umweltfreundlich.“

Präzisere Richtung

„Unsere Außenverpackung enthält 80 % Recyclingpapier (Massenanteil, ohne Etikett).“

Das muss geprüft / belegt werden

Materialdefinition, Mengenangabe, Berechnungsbasis, Chargen und Lieferantennachweise.

Wichtiger Hinweis

Eine konkrete Alternative darf nur verwendet werden, wenn diese Daten tatsächlich stimmen. Die Aussage ersetzt keine Beurteilung der übrigen Umweltauswirkungen.

BEISPIEL 02

„Diese Flasche besteht zu 100 % aus Recyclingplastik.“

Riskante Aussage

„Diese Flasche besteht zu 100 % aus Recyclingplastik.“

Präzisere Richtung

„Der Flaschenkörper besteht zu 100 % aus recyceltem PET; Deckel und Etikett sind nicht enthalten.“

Das muss geprüft / belegt werden

Bauteilabgrenzung, Recyclinganteil im Flaschenkörper und Dokumente zur Materialherkunft.

Wichtiger Hinweis

Der Eindruck „ganze Flasche“ darf nicht entstehen, wenn nur ein Bestandteil gemeint ist.

BEISPIEL 03

„Unsere Verpackung ist vollständig recycelbar.“

Riskante Aussage

„Unsere Verpackung ist vollständig recycelbar.“

Präzisere Richtung

„Die Kartonhülle ist im Altpapierstrom verwertbar; für Beschichtung und Verschluss gelten gesonderte Hinweise.“

Das muss geprüft / belegt werden

Materialaufbau, Sammel- und Sortierwege, technische Verwertbarkeit und relevante Märkte.

Wichtiger Hinweis

„Recycelbar“ ist etwas anderes als „enthält Recyclingmaterial“. Lokale Entsorgungssysteme beachten.

BEISPIEL 04

„Dieses Produkt ist klimaneutral – wir kompensieren die Emissionen.“

Riskante Aussage

„Dieses Produkt ist klimaneutral – wir kompensieren die Emissionen.“

Präzisere Richtung

„Wir finanzieren ein externes Klimaschutzprojekt. Das Produkt selbst wird damit nicht als klimaneutral beworben.“

Das muss geprüft / belegt werden

Wortlaut und Werbegesamteindruck, Projektdaten und die Trennung von Produktwirkung und freiwilligen Investitionen.

Wichtiger Hinweis

Produkt-Klimaneutralitätsaussagen auf Basis von Offsets fallen unter das spezifische EmpCo-Verbot; eine Fußnote macht sie nicht zulässig.

BEISPIEL 05

„30 % weniger CO₂ als früher.“

Riskante Aussage

„30 % weniger CO₂ als früher.“

Präzisere Richtung

„Die direkten Emissionen am Standort A sind 2025 gegenüber 2022 um 30 % gesunken (Scope 1; gleicher Messumfang).“

Das muss geprüft / belegt werden

Emissionskategorie, Standort, Basisjahr, Messgrenzen, Änderungen der Methodik und Berechnung.

Wichtiger Hinweis

Ein Standortergebnis darf nicht als Reduktion des gesamten Produktfußabdrucks ausgegeben werden.

BEISPIEL 06

„Unser Unternehmen produziert mit 100 % grünem Strom.“

Riskante Aussage

„Unser Unternehmen produziert mit 100 % grünem Strom.“

Präzisere Richtung

„Für Standort A wurden 2025 Herkunftsnachweise für den gesamten bilanziellen Stromverbrauch beschafft.“

Das muss geprüft / belegt werden

Standort- und Zeitraumbezug, Verbrauchsmengen, Zertifikatsdeckung und Aussage über physischen versus bilanziellen Strombezug.

Wichtiger Hinweis

Herkunftsnachweise bedeuten nicht automatisch eine jederzeit physisch erneuerbare Versorgung aller Standorte.

BEISPIEL 07

„Unsere Verpackung ist biologisch abbaubar.“

Riskante Aussage

„Unsere Verpackung ist biologisch abbaubar.“

Präzisere Richtung

„Diese Folie erfüllt nach Prüfbericht X die angegebenen Abbaubedingungen unter definierten industriellen Kompostierungsbedingungen.“

Das muss geprüft / belegt werden

Prüfnorm, Testbedingungen, Zeitrahmen, Materialbestandteile und die tatsächliche Entsorgungsinfrastruktur.

Wichtiger Hinweis

Ein Labortest bedeutet nicht, dass die Verpackung in der Natur oder im Hauskompost verschwindet.

BEISPIEL 08

„100 % plastikfrei!“

Riskante Aussage

„100 % plastikfrei!“

Präzisere Richtung

„Die äußere Kartonverpackung enthält nach Materialliste keinen Kunststoff; Produkt und Innenbeutel sind nicht Teil dieser Aussage.“

Das muss geprüft / belegt werden

Abgrenzung Produkt/Verpackung, Materialliste aller Bestandteile und relevante Definitionen.

Wichtiger Hinweis

Keine plastikfreie Gesamtwirkung nahelegen, wenn andere Bestandteile Kunststoff enthalten.

BEISPIEL 09

„Offiziell nachhaltig zertifiziert.“

Riskante Aussage

„Offiziell nachhaltig zertifiziert.“

Präzisere Richtung

„Dieses Produkt erfüllt die veröffentlichten Kriterien des genannten Prüfsystems für Merkmal X; der Geltungsbereich ist verlinkt.“

Das muss geprüft / belegt werden

Träger und Unabhängigkeit des Siegels, Zertifizierungssystem, öffentliche Kriterien, Gültigkeit und Produktabdeckung.

Wichtiger Hinweis

Ein eigenes Werbesymbol ist nicht automatisch ein zulässiges Nachhaltigkeitssiegel. EmpCo enthält dafür besondere Regeln.

BEISPIEL 10

„Bis 2030 werden wir komplett klimaneutral.“

Riskante Aussage

„Bis 2030 werden wir komplett klimaneutral.“

Präzisere Richtung

„Wir planen, unsere absoluten Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2030 gegenüber 2023 um X % zu senken; Maßnahmen und Fortschritt sind öffentlich dokumentiert.“

Das muss geprüft / belegt werden

Öffentlich zugänglicher Umsetzungsplan, messbare Meilensteine, Ressourcen, Monitoring und geeignete unabhängige Überprüfung.

Wichtiger Hinweis

Zukunftsaussagen unterliegen besonderen Anforderungen. Keine Zielerreichung suggerieren, die noch nicht eingetreten ist.

BEISPIEL 11

„Mit diesem Produkt sparen Sie 40 % Wasser.“

Riskante Aussage

„Mit diesem Produkt sparen Sie 40 % Wasser.“

Präzisere Richtung

„Im standardisierten Test verbrauchte Modell B 40 % weniger Wasser pro Durchlauf als Modell A, gemessen unter den beschriebenen Bedingungen.“

Das muss geprüft / belegt werden

Testverfahren, Referenzmodell, Nutzungsbedingungen, Messstreuung und Aktualität.

Wichtiger Hinweis

Ergebnisse eines Labortests sind nicht ohne Weiteres der Verbrauch in allen Haushalten.

BEISPIEL 12

„Wir sind ein grünes Unternehmen.“

Riskante Aussage

„Wir sind ein grünes Unternehmen.“

Präzisere Richtung

„Unser Standort B hat den Energieverbrauch pro Produktionseinheit von 2022 bis 2025 um 15 % reduziert.“

Das muss geprüft / belegt werden

Standortabgrenzung, Produktionsmenge, Verbrauchsbelege und Veränderungen der Produktionsstruktur.

Wichtiger Hinweis

Eine einzelne Verbesserung rechtfertigt nicht automatisch eine positive Gesamtbewertung des Unternehmens.

PRÜFMETHODE

Fünf Fragen vor jeder Veröffentlichung

Ein guter Freigabeprozess arbeitet vom Wortlaut zurück zu den nachweisbaren Fakten. Für Werbeaussagen an Verbraucherinnen und Verbraucher sollten insbesondere diese fünf Prüfungen dokumentiert werden.

1

Gegenstand

Geht es um das Produkt, eine einzelne Verpackungskomponente, einen Standort oder das gesamte Unternehmen?

2

Messgröße

Was genau wird behauptet: Anteil, Emissionen, Recyclingfähigkeit, Energiebezug oder Zielwert?

3

Methode & Quelle

Welche Daten, Normen, Berechnungen oder Prüfberichte tragen die Aussage? Sind sie aktuell und für den Claim geeignet?

4

Einschränkungen

Fehlen Vergleichsjahr, Ausnahmen, Nutzungsvoraussetzungen, regionale Bedingungen oder Angaben zu Einzelteilen?

5

Gesamteindruck

Passen Text, Bild, Farben, Siegel, Sternchen und Platzierung zusammen – oder wird mehr suggeriert als belegt?

Nachweise und Belege vertiefen →
RECHTSLAGE

Was gilt – und was noch nicht?

EmpCo: geltende Anforderungen

Seit 27.09.2026 sind die neuen Regeln zur Verbraucherinformation und zu irreführenden Umweltangaben anzuwenden. Unter anderem sind bestimmte pauschale Umweltbehauptungen, kompensationsbasierte Produkt-Klimaneutralitätsclaims und Nachhaltigkeitssiegel ohne gesetzlich vorgesehenen Hintergrund untersagt.

Green Claims Directive: Vorschlag

Der eigenständige Gesetzgebungsvorschlag zur Begründung und Kommunikation ausdrücklicher Umweltangaben ist weiterhin anhängig. Aus ihm folgt derzeit keine allgemeine gesetzliche Vorab-Zertifizierung sämtlicher Umweltclaims.

Einzelfall bleibt entscheidend

Nationale Umsetzung, Produktkategorie, spezifische EU-Vorschriften und die konkrete Werbeumgebung können weitere Anforderungen auslösen. Auch präzise formulierte Aussagen brauchen belastbare Nachweise.

HÄUFIGE FRAGEN

Green Claims Praxisbeispiele: FAQ

Ist ein konkreter Zahlenwert automatisch erlaubt?

Nein. Ein Prozentwert kann trotz rechnerischer Richtigkeit irreführend sein, wenn Bezugsgröße, Zeitraum, Vergleich oder wesentliche Ausnahmen verschwiegen werden.

Kann ich „klimaneutral“ durch Kompensationszertifikate belegen?

Bei Aussagen über ein Produkt, dessen behauptete neutrale, verringerte oder positive Treibhausgaswirkung auf Kompensation beruht, greift das spezifische EmpCo-Verbot. Mehr Zertifikate heilen diese Art von Produktaussage nicht.

Brauche ich für jede Umweltaussage ein neues externes Siegel?

Nein. EmpCo enthält keine pauschale Pflicht zu einem externen Zertifikat für jede einzelne Umweltbehauptung. Für Nachhaltigkeitssiegel gelten jedoch besondere Vorgaben; branchenspezifische Pflichten sind gesondert zu prüfen.

Reicht ein Sternchen mit der Einschränkung?

Nicht unbedingt. Die Gesamtwerbung darf nicht irreführen. Wesentliche Angaben müssen für die angesprochenen Verbraucher klar und verständlich sein; versteckte Einschränkungen können problematisch bleiben.

Welche Unterlagen sollten wir aufbewahren?

Wortlaut und Gestaltung, Produkt- oder Unternehmensbezug, Datenquellen, Methode, Berechnung, Prüfstand, Verantwortliche sowie Termin zur Aktualisierung.

Gilt das auch für Bilder von Blättern und grüne Symbole?

Ja, Umweltangaben können auch grafisch oder symbolisch vermittelt werden. Entscheidend ist, welche Umwelteigenschaft die gesamte Werbung nahelegt.

OFFIZIELLE QUELLEN

EU-Quellen und Rechtsgrundlagen

  1. Richtlinie (EU) 2024/825 – EmpCoVerbindlicher Richtlinientext zu Verbraucherinformation, Nachhaltigkeitssiegeln und bestimmten Umweltclaims.
  2. EU-Kommission – Nachhaltiger Konsum und EmpCoAnwendungsdatum und offizielle Fragen und Antworten zur EmpCo-Richtlinie.
  3. EU-Kommission – Green ClaimsStand und Ziele des gesonderten Green-Claims-Richtlinienvorschlags.
  4. EU-Kommission – koordinierte VerbraucherschutzmaßnahmenBeispiele und Maßnahmen zur Präzisierung von Umweltwerbung, u. a. bei Verpackungsaussagen.

Informationsstand: 14.10.2026. Redaktionelle Orientierung; keine Rechtsberatung oder Freigabe einer konkreten Kampagne.

Umweltaussagen systematisch prüfen

Nutzen Sie die Checkliste und halten Sie passende Nachweise bereit, bevor Sie Ihre nächste Umweltbotschaft veröffentlichen.